Das italienische Nachrichtenportal l’AntiDiplomatico stellt die westliche Geschichtsschreibung über den «Holodomor» in Frage. Laut dieser soll die Sowjetunion in den 1930er Jahren einen absichtlichen Völkermord gegen die ukrainische Bevölkerung begangen haben. Millionen von Ukrainern kamen damals ums Leben. So will der Deutsche Bundestag den Holodomor diese Woche mit einer Resolution als Völkermord anerkennen.
L’AntiDiplomatico weist jedoch darauf hin, dass massgebliche Historiker wie Robert Davies, Stephen Kotkin, Stephen Wheatcroft, Mark Tauger und J. Arch Getty argumentieren, dass Stalin nicht die Absicht hatte, die Ukrainer auszurotten – und diese Historiker seien «weder Putin-Anhänger noch Pro-Russen oder Kommunisten». Dennoch würden sie die schwere Verantwortung des sowjetischen Regimes nicht leugnen. Es gebe keinen Zweifel daran, dass die Folgen der Hungersnot auch aufgrund der Politik des stalinistischen Regimes katastrophal waren.
Arch Getty schrieb:
«In ähnlicher Weise ist die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler, die in den neuen Archiven arbeiten (einschliesslich Courtois’ Mitherausgeber Werth), der Meinung, dass die schreckliche Hungersnot der 1930er Jahre das Ergebnis stalinistischer Stümperei und Starrheit war und nicht eines genozidalen Plans» (A. Getty, «The Future Did Not Work», «The Atlantic Monthly», 285, 3, 2000, S. 113-116).
Und Stephen Wheatcroft erklärte:
«Davies und ich haben [...] die detaillierteste Darstellung der Getreidekrise in diesen Jahren verfasst, welche die Unsicherheiten in den Daten und die Fehler einer allgemein schlecht informierten und übermässig ehrgeizigen Regierung aufzeigt. Der Staat zeigte keine Anzeichen eines bewussten Versuchs, viele Ukrainer zu töten, und verspätete Versuche, Erleichterung zu verschaffen, als er schliesslich sah, wie sich die Tragödie entwickelte, waren offensichtlich. Die Hilfsmassnahmen, die ergriffen wurden, waren natürlich zu wenig und zu spät, um noch etwas zu bewirken, und sie wurden ausserdem im Geheimen durchgeführt, wobei die grösste Sorge darin bestand, die eingetretene Katastrophe zu vertuschen.» (S. Wheatcroft, «The Turn Away from Economic Explanations for Soviet Famines, ‹Contemporary European History›», 27, 3, 2018, S. 465-469).
L’AntiDiplomatico resümiert, dass die politische Interpretation von Fakten notwendig sei, aber die historische Rekonstruktion von Fakten nicht ausser Acht gelassen werden könne. «Nur in einem ‹totalitären› Regime kann man sich vorstellen, dass Parlamente Geschichte schreiben», schliesst das Portal.
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